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Die Vielfalt im Kleinen

In Österreich gibt es Presseförderung. Und es gibt Publizistikförderung. Über letztere habe ich die vergangenen sechs Jahre mitentschieden. Jetzt ist Schluss.

Ich bin mir nicht sicher, ob überhaupt jemand weiß, dass es Publizistikförderung gibt oder was der Unterschied zur Presseförderung ist. Die einfache Antwort: Kriterien und Volumen.

Die Presseförderung hat ein Jahresvolumen von 8,9 Millionen Euro und wird im Wesentlichen für Vertrieb, besondere Förderung und Qualitätsförderung vergeben. Insgesamt 105 Medien nehmen Sie in Anspruch, Details dazu hier. In die Vergabe der Presseförderung bin ich nicht involviert.

Die Publizistikförderung vergibt ein Jahresvolumen von 340.000 Euro und wir im Wesentlichen an kleine Medien ausbezahlt, die ums Überleben kämpfen und oft Verluste machen. Zwischen 80 und 100 Medien, vorwiegend Print-Produkte, nehmen diese Förderung jedes Jahr in Anspruch.

Für die Vergabe beider Förderungen ist die KommAustria, die im Rahmen der RTR GmbH die Förderansuchen entgegennimmt und vergibt. Als beratendes Gremium für die Publizistikförderung wurde ein Beirat eingerichtet, der aus Vertretern von Regierungsstellen, Parteien und NGOs gebildet wird. Diesem Beirat gehöre ich seit sechs Jahren an, nach zwei dreijährigen Perioden endet diese Aufgabe nun, denn man kann nur zwei Perioden in Folge vorgeschlagen werden. (Hier eine Übersicht der Mitglieder)

Ich habe durch diesen Beirat viel gelernt. Vor allem auch darüber, welche „Nischenprodukte“ es am Printmarkt gibt. Nicht alle davon – eigentlich die wenigsten – treffen meinen persönlichen Geschmack. Ich finde aber uneingeschränkt gut, dass es diese Vielfalt im Kleinen gibt. Ich habe Publikationen kennengelernt und zum Teil auch gelesen, zu denen ich sonst vermutlich keinen Zugang gehabt hätte. Wir haben in den Beiratssitzungen oft auch sehr kontrovers die Förderwürdigkeit mancher Zeitschriften diskutiert, mit unterschiedlichem Ergebnis. In der Regel haben sich alle Beiratsmitglieder ausgiebig mit den vorliegenden Anträgen beschäftigt, um wirklich in der Sache argumentieren zu können. Im Zweifel haben wir uns die jeweiligen Magazine und Zeitschriften noch in den Fördersitzungen selbst intensiv angeschaut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe die Mitarbeiter/innen der RTR als höchst kompetente, geduldige und freundliche Menschen erlebt, denen immer wichtig war, ein Ergebnis im Sinne der Medienvielfalt zu erzielen, bei gleichzeitiger Einhaltung aller Förderbedingungen. Und ich habe inhaltliche Debatten über Medienförderung und Zeitschriften erlebt, die ich in großen Zusammenhängen in dieser Tiefe nicht kenne. Die beiden Vorsitzenden (zuerst Matthias Karmasin, dann Hannes Schopf) habe ich als kluge Moderatoren und Experten schätzen gelernt.

Für viele dieser Zeitschriften ist diese – im Verhältnis zur Presseförderung lächerlich geringe – Dotierung überlebenswichtig. Die Förderbeträge liegen zwischen mindestens 1.360 Euro und 13.600 Euro pro Jahr, die Medien müssen sehr detaillierte Angaben über Auflage, Ausrichtung, Einnahmen und Ausgaben, Abonnements, Verkaufszahlen, etc. machen. Nahezu all diese Zeitungen und Zeitschriften entstehen mit hohem persönlichen Einsatz der Schaffenden, oft unbezahlt, fast immer unterbezahlt.

Ich kenne die Vergabemechanismen der Presseförderungen nicht im Detail, habe aber nicht den Eindruck, dass sie übertrieben großen Wert auf Qualität legt. Soweit ich das weiß, ist sie eher vertriebsorientiert. Es besteht – aus meiner Sicht zu Recht – seit vielen Jahren große Kritik an der Presseförderung, vor allem auch, weil sie im Vergleich zu den Inseratenvolumen der öffentlichen Hand wiederum sehr gering ist.

Wahrscheinlich ist die vergleichsweise kleine Publizistikförderung kein 1:1 Modell, das man für die längst nötige Form der Medienförderung insgesamt übernehmen kann. Sie zeigt aber, wie gut Dinge im Kleinen und weitgehend unbemerkt funktionieren können. Eine grundlegende Reform der Presseförderung ist seit Jahren überfällig. Sie sollte das willkürliche und intransparente Inserieren öffentlicher Stellen vollständig ersetzen.  Ich hoffe, dass das der nächsten Bundesregierung – egal von wem sie gebildet wird – ein Anliegen ist. Zeit wär’s jedenfalls.

Meiner/meinem Nachfolger/in in dieser Funktion wünsche ich das Allerbeste, ich hoffe, er/sie findet diese Aufgabe genauso interessant und lehrreich.

Quellen und Links:

Die Richtlinien des Publizistikförderungsbeirates

Die Entscheidungen des Beirats der letzten Jahre

Mitglieder des Publizistikförderungsbeirates

Die gesetzliche Grundlage

Formulare zum Einreichen einer Förderung