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07Jan
AktuellAllgemein

Die „Cover my ass“ Politik

Ob in der Politik, der Medizin, in Großkonzernen oder anderen Bereichen. Der Anteil an „defensiven Entscheidungen“ ist zu hoch. Eine „defensive Entscheidung“ bedeutet, dass man – sehr oft wider besseren Wissens – eine Entscheidung trifft, die inhaltlich nicht die beste ist. Man entscheidet sich für jene Variante, bei der man am wenigsten Gefahr läuft, am Ende „schuld“ zu sein.

Ich habe von diesem Zugang heute in Grafenegg in einem Vortrag von Gerd Gigerenzer gehört. Er hat einiges gesagt, womit ich nicht allzu viel anfangen kann, das Prinzip der „defensiven Entscheidung“ schien mir aber interessant.

Ein paar Beispiele: Viele Ärzte scheuen sich davor, einem Patienten zu sagen: „Es ist nicht viel, was sie haben. Ein paar Tage Bettruhe oder mehr Bewegung werden reichen, damit Sie wieder gesund werden oder künftig gesünder bleiben.“ Oft werden Medikamente in viel zu hohem Ausmaß verschrieben, um auf der sicheren Seite zu sein. Der Patient wird an drei weitere Fachärzte überwiesen, um auf der sicheren Seite zu sein. Es geht gar nicht mehr um die bestmögliche Therapie oder Heilung, sondern darum, das Risiko möglichst gering zu halten, verklagt oder mit Vorwürfen konfrontiert zu werden, dass man etwas „nicht ernst genug“ genommen hat.

In internationalen Konzernen nennt man das, sagt Gigerenzer, auch das Prinzip „Cover my ass“. Man tut nicht, was man für gescheit oder angebracht hält, sondern nur das, was einem die wenigsten Schwierigkeiten bringt und die höchste Chance, im Unternehmen zu überleben. Gigerenzer meint, dass mehr als 50 % aller Entscheidungen in Konzernen auf diese Weise getroffen werden.

Auch in der Politik ist dieses Phänomen wahrscheinlich nicht unbekannt. Politische Verantwortungsträger handeln oft nicht danach, was sie für richtig und notwendig erachten. Sie treffen Entscheidungen, die weder evidenzbasiert sind noch ihrer eigenen Meinung entsprechen. Oft wäre das mit zu hohem Aufwand, mit zu großen Anstrengungen, mit zuviel Überzeugungsarbeit und manchmal wahrscheinlich auch mit zuviel medialem Gegenwind verbunden. Wie oft hört man dann im Vertrauen: „Wir haben das so gemacht, weil wir ein neues Thema gebraucht haben/weil XY das so wollte/weil wir es was anderes eh nicht durchgebracht hätten, usw.“

Um nicht missverstanden zu werden: Kompromisse gehören zum Wesen der Politik, sie sind das Ergebnis von Verhandlungen, bei denen man sich von verschiedenen Standpunkten her annähern kann. Das halte ich für legitim. Eine „defensive Entscheidung“ ist etwas anderes, sie wird gefällt, obwohl man weiß, dass sie in der Sache wahrscheinlich falsch ist. Aber sie ist im Verhältnis eben risikoloser.

Ein Anknüpfungspunkt an diese Theorie ist, sagt Gigerenzer, das Problem der „negativen Fehlerkultur“. In einer „positiven Fehlerkultur“ sind Fehler zwar auch nicht erwünscht, man akzeptiert aber, dass es sie gibt. Die Folge ist eine Analyse des Fehlers mit dem Ziel, diesen Fehler beim nächsten Mal vermeiden zu können. In einer „negativen Fehlerkultur“ gibt es de facto keine Fehler, weil man sie unter den Teppich kehrt, in der Hoffnung, dass sie niemandem aufgefallen sind. Das verunmöglicht logischerweise irgendeine Form des Lernens aus Fehlern.

Mir ist unlängst etwas ähnliches aufgefallen als auf Twitter der grüne Politiker Christoph Chorherr sich gefragt hat: „Was habe ich vor 10 Jahren völlig anders gesehen als heute? Wo lagen meine größten Fehleinschätzungen oder Fehlannahmen?“ Das fand ich sehr, sehr interessant (sein Beitrag ist hier nachzulesen). Ich würde mir einen derartigen Rückblick, eine Selbstreflexion von mehr Menschen, vor allem auch von Entscheidungsträgern, wünschen. Nicht, um ihnen das vorhalten zu können. Sondern vor allem um das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Selbstreflexion auch einer von vielen Wegen ist, um künftig zu mehr „offensiven“ und wahrscheinlich besseren Entscheidungen zu kommen. Selbst wenn man dafür das ein oder andere Mal auch Fehler gemacht haben muss.

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