Category: Flucht

06Sep
FluchtGemeindepolitik

Der talentierte Mister Wasi

Flüchtlingsarbeit in einer Gemeinde ist sehr facettenreich. Es ist knapp ein Jahr her, dass wir uns entschieden haben, Flüchtlinge in unserer Gemeinde aufzunehmen. Ich habe in einigen Blog-Beiträgen hier darüber berichtet. Derzeit leben zwischen 25 und 30 geflüchtete Menschen in unserer Gemeinde. Sie stammen vorwiegend aus Afghanistan, Syrien und dem Irak.

Es gibt eine gewissen Fluktuation, Menschen kommen und gehen. Untergebracht sind die Flüchtlinge an insgesamt fünf Standorten, allesamt Wohnungen bzw. Einfamilienhäuser, weitgehend nicht zu weit weg vom Ortszentrum und wichtiger Infrastruktur, die ohne Auto erreichbar sein muss. Im großen und ganzen funktioniert das gut, ohne die Hilfe der Zivilgesellschaft wäre die dauerhafte Betreuung dieser Menschen aber völlig undenkbar.

Vor einigen Tagen gab es Aufregung um eine Familie aus Afghanistan, vielleicht auch aus Pakistan, die seit einigen Monaten in unserer Gemeinde untergebracht ist. Mutter, Vater und ein Kind. Sie sind bei uns eingetroffen, mit einem Bescheid, in dem steht, dass sie ein „Dublin-Fall“ seien und eigentlich nach Frankreich gehören. Seit Mai laufen Einsprüche, Rückkehrberatungen, usw.. Jetzt ist der Rechtsweg ausgeschöpft. Vor einigen Tagen hätten sie nach Frankreich abgeschoben werden sollen. Kurz davor ist die Familie untergetaucht, vermutlich in Wien, wo sie zumindest zwei Mal pro Woche war. Die Polizei hat die Familie nicht angetroffen, der Abflugtag verging. Jetzt ist die Familie wieder da und das Spiel beginnt von vorne.

Ich verstehe, dass sich niemand gerne abschieben lassen will, wenn er lieber hier in Österreich bleiben würde. Es ist auch nachvollziehbar, dass man sich gegen eine Abschiebung in bestimmte Länder zur Wehr setzt. Frankreich halte ich persönlich für ein verhältnismäßig sicheres Land, in dem man sich einem Asylverfahren durchaus stellen kann. Aber ich bin kein Experte. In der Bevölkerung führen solche Vorgänge zu eher wütenden Reaktionen.

14211938_1808623786036482_7666205189664038560_nWorüber ich mich freue? Wasi ist 16 Jahre alt und mit seinem Vater in Altlengbach. Dieser geriet in seiner Heimat ins Visier der Taliban, weil er für die UNO, die USA und andere Organisationen als Entminungsspezialist gearbeitet hat. Die restliche Familie ist noch in Afghanistan und muss wöchentlich den Wohnort wechseln, um der Verfolgung zu entgehen. Seit fünf Monaten kämpfen wir darum, dass der hochtalentierte 16jährige junge Mann eine Schule besuchen darf. Formell ist er nicht mehr schulpflichtig, daher muss ihn keine Schule nehmen. Nun hatten wir Erfolg. Er darf das Oberstufengymnasium in der Nachbarstadt besuchen. Das ist ein großer Schritt und eine große Freude für ihn. Es ist wichtig, dass unsere Institutionen flexibel bleiben, um solche Dinge zu ermöglichen. Gerade war Wasi hier und wir haben Dinge zusammengesammelt, die er für den Schulalltag braucht. 200 bis 300 Euro kostet durchschnittlich der Schulbeginn mit allen Zahlungen und Anschaffungen. Schwer für jemanden, der nur 40 Euro pro Monat frei verfügbar hat. Zum Glück hat die Schule sehr geholfen und auf einen großen Teil der Zahlungen verzichtet.

zaman babyEine weitere afghanische Familie hat Nachwuchs bekommen, ebenfalls eine große Freude. Sie wurde erst kürzlich zu uns verlegt, weil das schulpflichtige größte der nun drei Kinder ansonsten keine Möglichkeit gehabt hätte, zur Schule zu kommen. Jetzt ist das dritte Geschwisterkind da, ein Bub namens Armin.

Was mir Sorge macht? Wir haben zu Beginn unserer Arbeit in Altlengbach eine Kleiderkammer eingerichtet. In einem Haus, das der Gemeinde gehört und das vorerst nicht benötigt wurde. Dort konnten Menschen Spenden aller Art abgeben und bedürftige Menschen – egal welcher Herkunft – konnten sich Dinge holen, die sie brauchen. Es hat sich ein Team an Freiwilligen gebildet, später wurden fixe Öffnungszeiten eingeführt, diese Einrichtung wurde ein kleines regionales Zentrum für Flüchtlinge auch aus anderen Gemeinden. Jetzt wird das Haus abgerissen, weil wir den Standort für ein wichtiges anderes Projekt benötigen. Vorläufig gibt es räumlichen Ersatz, zumindest um die Dinge zu lagern. Erst in den nächsten Monaten wird sich herausstellen, ob es eine dauerhafte Nachfolgelösung geben kann.

Wie die Stimmungslage sich verändert hat? Flüchtlingsarbeit ist aufwändig. Sie ist zeitintensiv und sie ist emotional nicht immer einfach. Menschen kommen nach fürchterlichen Fluchtgeschichten zu uns, oftmals sind sie keinen Alltag im klassischen Sinne mehr gewohnt. In unserem Fall war die Hilfsbereitschaft außerordentlich groß. Wichtige Teile der Zivilgesellschaft haben geholfen und unterstützt. Das ist allerdings merkbar weniger geworden. Nach wie vor haben wir Deutschkurse, die von Freiwilligen gemacht werden. Wir haben die Kleiderkammer, wir haben Fahrtendienste und wir haben Familien, die sich um Familien kümmern. Oft mit sehr starken persönlichen Bindungen, gemeinsamen Unternehmungen, Unterstützung beim Schulbesuch, usw..

Der Umstand, dass für die meisten Flüchtlinge die Ballungsräume – nachdem sie einen positiven Bescheid haben – viel attraktiver sind, lässt diese Bindungen oft abreissen, manchmal auch mit großen emotionalen Verletzungen. Das war bei uns nicht anders. Zwei Familien sind wenige Tage nachdem sie Asyl erhalten haben nach St. Pölten bzw. Wien gezogen. Dieser Umstand führt auch dazu, dass neu angekommene Familien manchmal nicht mit der gleichen Intensität betreut werden, wie das bei ihren jeweiligen „Vorgängern“ der Fall war. Das ist schwierig und zugleich auch ein Indikator für insgesamt sinkendes Engagement. Dazu kommt, dass jene, die sich viel engagieren, mit der Zeit auch müder werden. Dieses Ausmaß ist über einen langen Zeitraum schwer aufrechtzuerhalten. Man muss sich also bemühen, den Gesamtaufwand auf möglichst viele Schultern zu verteilen.

Was einfach war? Ein kleiner, aber sehr wichtiger Baustein ist uns gut gelungen. Für die meisten Flüchtlinge bei uns ist Mobilität ein wichtiger Faktor. Es gibt hier am Land nur zu Stoßzeiten halbwegs akzeptablen öffentlichen Verkehr. Führerscheine haben die meisten Flüchtlinge aber nicht, Autos schon gar nicht. Fahrräder sind also oft das einzig mögliche Mittel, um irgendwo hin zu kommen, zur gemeinnützigen Arbeit, zum Greißler oder auch zur Schule. Ich habe daher vor einigen Monaten damit begonnen, im Internet Fahrräder zusammenzukaufen. Nicht alle unbeschädigt, die meisten aber brauchbar. Ich habe all diese Räder Schritt für Schritt markiert, registriert und jeweils personalisiert Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Zwei Afghanen reparieren und verwalten diese Räder. Sie besorgen auch Ersatzteile, wenn nötig. Diese werden von den Mikro-Beiträgen bezahlt, die von den Flüchtlingen in eine gemeinsame Kasse eingebracht werden. Derzeit sind 13 Fahrräder im Umlauf. Wenn jemand Altlengbach dauerhaft verlässt, bleibt das Rad hier bei uns und kann an den Nächsten weitergegeben werden. Funktioniert bestens.

Mir haben die letzten Monate gezeigt, dass klare Regeln und konsequente Vereinbarungen diese Flüchtlingsarbeit erleichtern bzw. überhaupt erst ermöglichen. Sie sind für die Integration genauso unerlässlich, wie Deutschkurse, Schulbesuche, gemeinnützige Arbeit, etc.. Oft muss man aufpassen, dass man sich auch nicht zu sehr um die Menschen kümmert und ihnen damit jegliche Eigenverantwortung nimmt. Handlungsanleitungen sind wichtiger als Full-Service-Betreuung. Manche Aufgaben lassen sich gut auf einzelne Flüchtlinge verteilen, das gibt ihnen nicht nur Verantwortung, sondern ist auch fürs Selbstbewusstsein gut. Gemeinnützige Arbeit bietet ihnen in der Regel eine gute und wichtige Struktur, die sie auch langsam wieder auf die Notwendigkeiten eines „echten“ Arbeitslebens vorbereitet.

Insgesamt läuft es gut bei uns. Mehr gute Zeiten als schlechte Zeiten. Aber nur deshalb, weil es eine starke zivile Gesellschaft gibt, ohne deren Unterstützung das Betreuungssystem kollabieren würde.

19Jan
Flucht

Die hartnäckige Frau Tschinderle

Die Frau Tschinderle hat gemeinsam mit anderen Autoren ein Buch geschrieben. Das ist aus vielen Gründen bemerkenswert.

01Nov
FluchtGemeindepolitik

Eine lange Reise findet ein Ende

Eine lange Reise hat ein vorläufiges Ende gefunden. Die Familie Moshmoshan aus Aleppo ist in Altlengbach angekommen. Als erste von drei Familien, die in den kommenden Wochen bei uns Quartier finden...

16Sep
FluchtGemeindepolitik

Die schwierige Herbergssuche

“Es ist alles sehr kompliziert”, hat einst ein Bundeskanzler gesagt und wurde dafür verlacht. Sein Ausspruch trifft auch auf die Unterbringungskrise von Flüchtlingen zu. Ein Erfahrungsbericht über...

16Feb
Flucht

With a little help from my friends

Beiträge wie dieser beginnen oft mit den Worten “Ich habe lange überlegt, ob ich das schreiben soll…”. Das klingt nach einer Floskel und ist nicht besonders originell, manchmal stimmts aber. Mir...