11Dez
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Die Woche der Enthaltsamkeit

Immer wieder denke ich darüber nach, ob und warum Twitter zynischer oder verblödelter wird. Vielleicht spielt einem da die Erinnerung auch einen Streich und es war immer so. Oft habe ich aber den Eindruck, dass früher ernsthafte Debatte – sofern das mit 140 Zeichen möglich ist – häufiger war als heute.

Das ist ein zweischneidiges Schwert, denn zu einem guten Teil lebt Twitter von der Ironie, manchmal auch vom Hohn, oft vom Streit. All das ermöglicht Einblicke hinter die (oft beruflichen) Fassaden, die Menschen sich errichtet haben. Und es hat in meinem Fall sicher dazu beigetragen, dass sich mein Twitter-Account gut entwickelt hat. Die Leute mögen es, wenn man nicht alles immer so ernst nimmt.

Der Nachteil ist: Seriöse oder inhaltlich gute Tweets haben oft zu wenig Resonanz. Damit meine ich nicht mich. Ich folge vielen interessanten Menschen, die aufgrund ihrer Inhalte, ihrer Meinungen oder ihrer Anstöße viel mehr Follower/innen verdienen würden. Ihr Nachteil ist oft: Sie haben keine Funktionen, sind keine Journalisten oder halt sonst nicht prominent genug. Das ist schade, denn das bewirkt, dass Twitter jene Echokammer oder Bubble ist, über die dann häufig geklagt wird.

Ich habe versucht, mich selbst zu disziplinieren. Die Idee war, eine Woche lang nur Tweets zu schreiben, die frei von Zynismus, Hohn oder Blödelei sind. Das klingt einfach. Ich bin trotzdem gescheitert.

Es beginnt damit, dass sich die Anzahl eigener Tweets oder von Antworten auf andere Tweets mit einem Schlag drastisch reduziert, wenn man das Blödeln weglässt. Mir hat das erst vor Augen geführt, in welchem Ausmaß ich Twitter inzwischen als Dialog-Plattform nutze. Wahrscheinlich sind 90 Prozent meiner eigenen Tweets keine inhaltlich ernsthaften oder sachlichen Antworten. Das war mir in dieser Intensität nicht bewusst.

Es setzt sich damit fort, dass die Interaktionsrate ebenso deutlich sinkt. Favorisiert oder retweetet werden zumeist lustige Tweets, skurrile Fakten und natürlich zum Teil auch Angriffe, Beleidigungen oder Spott, eben alles, das irgendwie für Aufregung sorgt. Ein Phänomen, das bei Twitter oft als „Empörungsspirale“ thematisiert (und kritisiert) wird.

Inhaltliche Diskurse anzustoßen gelingt – meiner Wahrnehmung nach – nur dann, wenn man ohnehin schon eine gewisse Reichweite hat. Accounts mit hohen Followerzahlen tun das immer wieder erfolgreich. Bei kleineren Accounts ist das sehr schwierig, weil die kritische Masse fehlt. Ich habe auch bemerkt, dass ich viel weniger auf Twitter war in dieser Woche, dann aber aufmerksamer gewesen bin.

Mein Fazit dieser „Woche der Enthaltsamkeit“ ist: Es ist – zumindest für mich – durchaus heilsam gewesen, eine Woche lang zu versuchen, nicht auf jeden Blödsinn einzusteigen. Es schärft den Blick fürs eigene Verhalten und die zu hohe Intensität an manchen Tagen. Für mich bedeutet das, dass ich künftig aufmerksamer auf das Verhältnis, die Ausgewogenheit zwischen ernsten und nicht-ernsten Inhalten achten werde. Denn zuviele interessante Themen ersticken im Hohn und Spott der Twitteria.