19Jan
Flucht

Die hartnäckige Frau Tschinderle

Die Frau Tschinderle hat gemeinsam mit anderen Autoren ein Buch geschrieben. Das ist aus vielen Gründen bemerkenswert.

Es wird oft über die schweren Bedingungen für junge Journalist/innen gejammert. Über die Mühsal des “freien Journalismus”, dessen Freiheit oft nur daraus besteht, dass talentierte junge Menschen von Verlagen ausgebeutet werden und ihre Arbeit zu Dumpingpreisen abliefern müssen. Diese Klagen sind fast immer berechtigt. Es ist für die meisten Kolleg/innen nicht lustig, in so einem Umfeld arbeiten zu müssen.

Umso bemerkenswerter ist es, wenn es Menschen gibt, die den Spieß umdrehen und in den Nachteilen dieser Arbeitsform auch die Freiheit sehen, die daraus entstehen kann. Franziska Tschinderle ist eine davon. Ich kenne sie nicht persönlich, ich habe nur über die sozialen Medien registriert, was sie in den letzten Monaten angedacht, angepackt und mit großer Hartnäckigkeit umgesetzt hat.

Das Ergebnis ist ein großartiges Buch, das alle Medienpreise dieses Landes verdient hätte. “Lost: the story of refugees” dokumentiert Schicksale und Geschichten von Menschen, die ihre Heimatländer verlassen haben, um vor Krieg, Folter und Elend zu flüchten. Tschinderle hat sich (gemeinsam mit ihren Freunden) dabei nicht darauf beschränkt, in ein Lager in Österreich zu gehen und sich diese Geschichten erzählen zu lassen. Sie ist so weit gereist und gegangen, wie es einigermaßen möglich und auch nötig war. Nach Lesbos. In die Länder des Balkans. Nach Ungarn. Sie ist mit Menschen in einem Maisfeld gesessen, um nicht von der Polizei erwischt zu werden. Sie ist mit einem von hunderten Bussen mitgefahren, die Flüchtlinge durch die Länder des Balkans bringen.

Die Kombination aus Worten und Bildern hat mich die halbe Nacht wach gehalten. Die Eindrücke und Gefühle, die großflächige Schwarz-Weiß-Fotografie erzeugen können, sind enorm und führen dazu, dass man sich zumindest im Ansatz vorstellen kann, was diese Menschen durchmachen (müssen), um in die Länder Westeuropas zu gelangen. Martin Valentin Fuchs, François Weinert, Max Schnürer und Simon Hellmayr haben fotografiert, begleitet und organisiert. Die Bilder sind wuchtig und in ihrer nüchternen Sachlichkeit sehr beeindruckend.

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Ich weiß, dass es nicht leicht ist, solche Projekte zu finanzieren. Die Reisen, die nötig sind, um Fluchtrouten so detailreich und anschaulich zu beschreiben, sind keine Drei-Tagesreisen. Da geht es um Wochen. Gutes Zureden oder ein paar Mal irgendwo “Gefällt mir” zu klicken, reicht da nicht aus. Viele Menschen müssen so etwas sehr vehement wollen und auch tatsächlich mithelfen, damit das umgesetzt werden kann. Recherche, Reise, Fotos, Verlag suchen, Druck, Layout, PR, und, und, und. Ein Buch zu machen ist kein Spaziergang.

Die Frau Tschinderle scheint es drauf zu haben, andere Menschen zu überzeugen. Jetzt sollte das Alter einer Autorin bei so etwas keine Rolle spielen. Aber wieviele Menschen kennt ihr, die das mit 21 Jahren zustande gebracht haben?

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Franziska Tschinderle

Dazu kommt: Sie stellt sich nicht in den Mittelpunkt, obwohl sie dafür mehr Grund hätte als viele andere. Dieses Buch ist eine Teamleistung junger und hoch engagierter Menschen. Ich habe das bei der Buchpräsentation gestern abend in Wien gut beobachten können. Instinktiv hat sie dort eine der Weisheiten beherzigt, die man Politikern öfter ans Herz legen sollte: “Rede nie länger, als du auf einem Bein stehen könntest”. Hat sie nicht.

Dort waren übrigens auch einige Menschen, über die im Buch erzählt wird. Manche dieser Geschichten machen Hoffnung darauf, dass sich in unserem Land etwas verändert hat. Menschen packen an, nehmen Familien auf, ohne monatelang herum zu überlegen, wie das alles gehen soll. Vielleicht ist das auch ein bisschen die Renaissance der Eigenverantwortung, die man eben auch als Chance und als Hoffnung begreifen kann. Genau wie Tschinderle und ihr Team Hoffnung darauf machen, dass die Zukunft des Journalismus nicht im ständigen darüber reden, sondern im Tun liegt. Manchmal hoffe ich, dass Leute wie die Tschinderle dann endlich doch einmal mit fixen Einstellungsangeboten aus der Medienlandschaft überschüttet werden. Und dann wünsche ich mir aber, dass sie weiterhin frei bleiben können, um solche Projekte zu machen und die freie Arbeit als “Freiheit” im besten Sinne leben können.

Ihr könnt und sollt dieses Buch hier bestellen.

Hier findet ihr ein sehr gutes Interview mit Tschinderle und ihren Helfern

Die hier verwendeten Bilder stammen von der Website www.refugeeslost.com bzw. aus dem Twitter-Profil von Franziska Tschinderle (@franziska_tsch)