Bild: Andrea Damm / pixelio.de
15Sep
Aktuell

Der Kampf um die medizinische Nahversorgung

Derzeit sind in Österreich rund 70 Kassenarztstellen unbesetzt, weil sich keine Interessent/innen für die Nachfolge finden. Altlengbach war eine davon. Die medizinische Nahversorgung kollabiert.

Meine Heimatgemeinde Altlengbach hat seit zwei Wochen wieder eine neue praktische Ärztin. Eine Kassenärztin. Das klingt nach keiner Sensation, für uns ist es aber eine. Wir haben mehr als eineinhalb Jahre gebraucht, um diese Stelle wieder zu besetzen. Dabei ist Altlengbach weder eine strukturschwache Gemeinde, noch besonders abgelegen. Im Gegenteil.

Die Suche war trotzdem schwierig und hat nur mit viel Kraftaufwand zum Erfolg geführt. Dafür gibt es mehrere Gründe, viele davon zeigen sehr deutlich, wo die Schwächen im System liegen.

Die Vorgeschichte: Bei uns gibt es seit fast 30 Jahren eigentlich zwei Kassenarztstellen für Allgemeinmedizin. Über Altlengbach (rd. 3.500 Einwohner) wurden viele Ortsteile von Nachbargemeinden mitabgedeckt, das Einzugsgebiet ist also größer als das Gemeindegebiet selbst. Zu Jahresbeginn 2016 hat einer der beiden Kassenärzte seinen Pensionsantritt mit Juni 2016 angekündigt. Das ist ein recht enges Zeitfenster, wir hätten uns mehr Vorlaufzeit gewünscht. Die Ordination war in einem Gebäude untergebracht, das der Gemeinde gehört.

Die Stelle wurde ausgeschrieben. Und hier beginnen die Fehler im System schon. Wir leben in einem Land, in dem nicht die Krankenkassen, mit der die Ärzte dann einen Vertrag abschließen, eine Stelle ausschreiben. Wir leben in einem Land, in dem das die Ärztekammer tut. Und zwar – wie soll ich sagen – mit überschaubarem Engagement. Stellenausschreibungen befinden sich auf der zweiten oder dritten Ebene der Internet-Seite der Ärztekammer NÖ. Man muss als Arzt also schon sehr offensives Interesse daran haben, eine Kassenstelle zu suchen. Proaktive Information an die Ärzte gibt es – zumindest vom System her – nicht. Dazu kommt, dass 20-30% der Medizin-Absolventen ins Ausland gehen, weil sie entweder von dort kommen oder dort bessere Rahmenbedingungen vorfinden. Die Ausbildung selbst ist sehr krankenhausorientiert, man kommt bis zum Abschluss mit keiner Ordination im niedergelassenen Bereich in Berührung (eine verpflichtende Lehrpraxis von einigen Monaten könnte das ändern, dazu gibt es immerhin gute Modellversuche).

Auf die erste Ausschreibung haben sich zwei Kolleg/innen gemeldet, einer aus Wien, eine aus dem Nachbarort (bislang Wahlärztin). In Altlengbach besteht zudem das „Problem“, dass eine öffentliche Apotheke gegründet wurde, die davor nicht bestanden hat. Die neue Kassenarztstelle muss also ohne Hausapotheke auskommen, eine relevante Einschränkung, wenn es um den Verdienst geht. Das hat auch dazu geführt, dass alle Bemühungen vom zweiten Arzt in der Gemeinde heftig und auch auf dem Rechtsweg bekämpft wurden, weil auch er seine Hausapotheke verlieren wird, die für ihn einkommensrelevant ist. Dieser Kampf war schon 2015 in hohem Ausmaß wahlentscheidend in der Gemeinde und hat zu einem Mehrheitswechsel geführt.

Hier sind wir beim nächsten Problem: Die Gemeindepolitik muss Dinge ausbaden, die sie nicht verursacht hat und die sie nicht verändern kann. Die Regeln für Hausapotheken, öffentliche Apotheken, Arztbesetzungen und Ausschreibungen werden von anderen gemacht. Den Menschen ist das egal. Sie stehen beim Bürgermeister und sagen: „Wann bringst du uns endlich einen Arzt?“. Das erzeugt einen gewissen Druck, egal ob berechtigt oder nicht.

Um die Sache abzukürzen: Die erste Ausschreibung verlief nicht erfolgreich, die Stelle konnte nicht besetzt werden. Wieder ein Problem: Das Gremium, das diese Stelle vergibt, besteht – Überaschung!!!  – aus drei Vertreter/innen der Ärztekammer und drei Vertreter/innen der Gebietskrankenkasse. Ihr könnt sicher zusammenzählen: Wenn die sich nicht einig sind, steht es unentschieden und es passiert…..nichts.

Also eine zweite Ausschreibung, kurz vor Jahresende 2016. Wieder nur im Internet, kurz vor Weihnachten. Stundenlange Beratungen in unserer Gemeindestube, schlaflose Nächte. Der dauerhafte Verlust einer Arztstelle wäre ein Desaster. Ich bin ein Kommunikationsmensch, daher ist für mich eine der Grundregeln: Wenn man von jemandem etwas will, muss man aktiv auf ihn zugehen. Wir wollen also potentielle Interessenten kontaktieren. Doch wie macht man das? Am Ende ist die Antwort einfach: Wir kaufen uns die Adressen aller niederösterreichischen Ärzte und schreiben sie persönlich an. Die Adressen kaufen wir – Überaschung!!! – bei jener Ärztekammer, die eigentlich selbst für die Stellenausschreibung zuständig ist.

5.700 Briefe haben wir verschickt. Und Ärzt/innen eingeladen, sich für unsere Stelle zu bewerben, sich unsere Gemeinde anzusehen und mit uns darüber zu reden, welche Rahmenbedingungen sie brauchen. Rund 15 Kolleg/innen haben sich Altlengbach angesehen, am Ende haben sich vier Ärztinnen beworben. Dr. Petra Neuhauser, eine Allgemeinmedizinerin und Internistin, hat letztlich den Zuschlag bekommen und vor zwei Wochen ihre Praxis eröffnet, in guter Abstimmung und Partnerschaft mit der Apotheke, die ebenfalls vor einigen Wochen ihren fixen Standort direkt gegenüber bezogen hat. Die Eröffnung war ein Fest, viele Menschen waren da und haben sich gefreut, dass die Versorgung jetzt wieder vollständig ist.

Die Gemeinde Altlengbach hat die bestehenden Ordinationsräumlichkeiten saniert und zur Verfügung gestellt. Und wir haben rund 70.000 Euro in die Hand genommen, um den Ankauf von Geräten und Ausstattung kozufinanzieren. Auch das ist für uns kein kleiner Brocken, aber immerhin sind wir in der Lage, das finanziell zu stemmen. Strukturschwache Gemeinden können das eventuell nicht. Am Ende waren der Brief und die Unterstützung der Gemeinde ausschlaggebend, sagt die Ärztin, die sich sonst nicht oder erst in ein oder zwei Jahren für eine andere Stelle beworben hätte.

Am Ende hatten wir auch Glück. Die medizinische Versorgung in der Gemeinde ist nun quantitativ und qualitativ besser, als sie es vorher war. Wir haben zwei Kassenarztstellen und eine Apotheke mit deutlich längeren Öffnungszeiten. In vielen anderen Gemeinden wird das anders ausgehen, wenn Bundespolitik, Gebietskrankenkassen, Ärztekammer und Apothekerkammer nicht endlich ihre eigenen Interessen hinter jene der Patienten stellen. Denen ist nämlich egal, wer schuld ist, die stehen bei dem oder der Bürgermeister/in und sagen: „Du musst dafür sorgen!“