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17Apr
Gemeindepolitik

Wahlen gewinnt man damit nicht

aufbaudsm-miniEin Kanal ist nicht gut verkäuflich. Eine Kläranlage auch nicht. Ich meine das politisch und medial. Man kann dabei nicht viel gewinnen. Eine Kläranlage ist kein Kindergarten oder Freizeitzentrum. Keine lachenden Gesichter bei der Eröffnung, keine Blasmusik, kein Band, das durchschnitten wird. So ist das nun einmal.

Nötig ist ein Kanal natürlich trotzdem, eine Kläranlage auch. Sogar sehr viel nötiger als so manches Freizeitzentrum wahrscheinlich, auch wenn man damit keine Wahlen gewinnt. Andererseits kann man damit sehr wohl auch Wahlen verlieren, nämlich dann, wenn die Abwasserentsorgung nicht funktioniert.

In meiner Gemeinde gibt es 26 Ortsteile. Sechsundzwanzig!!! Das ist viel, vor allem bei knapp 3000 Einwohnern. Das ist deshalb wichtig, weil es auch heißt, dass wir in jeder Ortschaft Wasser, Kanal, Beleutung oder Straße bereitstellen müssen. Je mehr Ortsteile, desto teurer ist das natürlich. Unsere Ortsteile sind oft klein und haben lustige Namen. Nest, Öd, Audorf oder Ödengraben. Die Ortschaft Öd bespielsweise hat nur 9 Einwohner. Auch sonst hat alles seine Ordnung. “Kleinberg” hat 10 Einwohner und “Großenberg” 29 Einwohner.

In dieser Geschichte geht es aber um die Ortschaft Schoderleh (61 Einwohner), die am südlichsten Zipfel der Gemeinde liegt, noch hinter dem Ödengraben (17 Einwohner). In Schoderleh ist uns ein Projekt gelungen, über das wir uns sehr freuen, weil es sowohl konkret sehr gut ist, als auch sinnbildlich für etwas steht, das für alle ein Gewinn ist.

Schoderleh liegt insgesamt ein bisschen abgelegen. Das ist der Grund, warum es bislang dort auch keinen Kanal gab. “Zahlt sich für die paar Häuser nicht aus”, hat es jahrelang geheißen, wahrscheinlich auch zu Recht. Jetzt sind dort aber ein paar Baugrundstücke aufgeschlossen worden und die Frage hat sich neu gestellt. Sollen die Häuslbauer dort nun wirklich alle Senkgruben bauen oder gibt es dafür doch eine andere Lösung?

In relativ kurzer Zeit haben sich einige Alteingesessene und ein paar neue Häuslbauer dann dazu entschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie haben eine Genossenschaft gegründet, die den Zweck hat, eine Bio-Kläranlage zu errichten. 15 Haushalte können daran angeschlossen werden, sieben feste Zusagen gibt es bislang. Ein paar Baugrundstücke sind noch frei, ein paar bestehende Haushalte überlegen noch.

Die Kosten der Anlage liegen bei rund 110.000 Euro, bei Vollauslastung bei rund 7.500 Euro pro Haushalt. Die laufenden Kosten sind minimal, nicht zu vergleichen mit der Höhe herkömmlicher Kanalgebühren. Und natürlich ist die Sache umweltfreundlich. Keine Chemie, wenig Reststoffe, kaum Wartungskosten.

Die Vertreter dieser Bürgergruppe waren bei uns am Gemeindeamt und haben um Hilfe gebeten, weil sie die Gesamtkosten nicht alleine vorfinanzieren können. Nach ein paar freundlichen Verhandlungsrunden haben wir uns nun auf 20.000 Euro Direktzuschuss geeinigt und darauf, dass die Gemeinde den Teil, der noch nicht durch Anschlussgebühren gedeckt ist, vorfinanziert. In spätestens 15 Jahren müssen alle Anschlüsse verkauft sein und das Geld der Gemeinde zurückbezahlt werden.

Für mich ist das nur der “technische” Teil der Sache.

Entscheidend ist, dass hier Menschen sich zutrauen, Dinge gemeinsam selbst in die Hand zu nehmen. Wir sollten uns mehr Möglichkeiten offen lassen, Menschen zu eigenen Projekten und Initiativen zu ermutigen. Dazu braucht es auch einen rechtlichen Rahmen, der Dinge ermöglicht und sie nicht nur durch endlose Vorschriften verhindert. In diesem Fall, auf dieser Ebene war das gut möglich. Viele andere Projekte dieser und anderer Art scheitern an den Mühen der Ebene, daran, dass Behörden und Gesetze Menschen entmutigen, anstatt sie zu schützen.

In diesem Fall ist alles gelungen. Das ist ein großes Glück. Für alle, auch für uns als Gemeinde. Am Ende wird uns dieses Projekt idealerweise nur 20.000 Euro gekostet haben. Die Verlegung eines herkömmlichen Kanals hätte immerhin 350.000 Euro ausgemacht.