Tag: Hofer

24Mai
Aktuell

Blau das Land und grün die Städte

 

Das Land ist angeblich gespalten. Van der Bellen hat die Wahl in den Städten gewonnen, weite Teile des ländlichen Raums hat Norbert Hofer für sich gewinnen können. Überall fragt man sich nun: Wie ist es dazu gekommen? Wie immer gibt’s eine Fülle an Gründen, nicht alle werden überall zutreffen. Ein paar Gedanken aus meiner Gemeinde, die zu 56,3 Prozent Norbert Hofer gewählt hat, in der die FPÖ aber nur eines von 21 Gemeinderatsmandaten hat.

  1. Der ländliche Raum ist stark ÖVP-dominiert. Rund 1.600 der 2.100 Gemeinden haben schwarze Bürgermeister/innen und Gemeinderatsmehrheiten. Das ist ein starker Faktor, die einzige Machtbasis, die die ÖVP noch hat. Einem großen Teil dieser Funktionärs- und Wählerschaft ist der „Wechsel“ zu Norbert Hofer emotional leichter gefallen als jener zu Van der Bellen.Bundespräsidentenwahl 2016, Stichwahl
  2. Die Grünen verfügen im ländlichen Raum kaum über personelle oder organisatorische Strukturen. In vielen Gemeinden gibt es keine grünen Gemeinderät/innen, keine Ortsgruppen. Das ist für einen bundesweiten Wahlkampf ein großes Problem, nicht nur wegen der merkbar geringeren Zahl an Wahlplakaten. Überall dort, wo es ein Minimalmaß an grünen Funktionär/innen gibt, lief’s für Van der Bellen messbar besser.
  3. Der grüne Wahlkampf hat sich organisatorisch auch aus eigenem Willen auf die Ballungsräume konzentriert. Eine strategisch sehr clevere Entscheidung. Man hat dort investiert, wo der Erfolg wahrscheinlicher war und auf geringerem Raum mehr Stimmen zu holen waren. Am Land hat man aber kaum grüne Plakate gesehen. Das ist den Leuten aufgefallen und hat eine „dem Grünen sind wir eh wurscht“-Einstellung erzeugt. In meiner Gemeinde war das Verhältnis zwischen Plakaten von Van der Bellen und Hofer ungefähr 1:10.
  4. Der freiheitliche Wahlkampf hat viele Sorgen und diffuse Ängste der Bevölkerung der ländlichen Räume besser getroffen. Angst um den Arbeitsplatz, die Wirtschaftslage, eine grundsätzliche EU-Skepsis, oft weniger berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und -perspektiven. All das hat Hofer in Plakaten und Inseraten geschickt thematisiert. Dazu kommt (siehe Punkt 3) eine gewisse Minimalstruktur, die die FPÖ in den Gemeinden hat. In sehr vielen Gemeindeparlamenten sitzen inzwischen freiheitliche Mandatare.
  5. Für viele Wähler/innen war das jüngere Alter Norbert Hofers ein sehr starkes Wahlmotiv. Das gilt vielleicht nicht im Besonderen für ländliche Gemeinden, dort habe ich das halt sehr oft gehört. Und zwar sowohl von jungen als auch von ältereren Wähler/innen („alt samma selber, das soll ein Junger amal machen“).
  6. Das Bildungs- und Ausbildungslevel ist natürlich auch ein Faktor gewesen. Hochqualifizierte Menschen leben mehrheitlich nicht (mehr) am Land, ausgenommen in den Speckgürtelgemeinden. Viele kommen vom Land, finden dort aber kaum berufliche Perspektiven vor, nachdem sie ihre Ausbildungen oder Studien beendet haben. Sie konzentrieren sich auf die Ballungsräume und wählen meistens auch dort, in diesem Fall mehrheitlich Van der Bellen.
  7. Die Grünen polarisieren insgesamt am Land viel stärker als in den Städten, darunter hat van der Bellen stark gelitten. Am Land werden sie häufig als abgehobene Verbotspartei wahrgenommen.
  8. Der groß angelegte Wahlbetrug zu Lasten Norbert Hofers war am Land schwerer durchzuführen als in den Städten.

Schlussbemerkung: Ich halte es für eine unzulässige Schlussfolgerung, dass „das Land“ nun blau ist und „die Stadt“ grün ist. Beides trifft nicht zu. Zum einen ging es um zwei Persönlichkeiten, natürlich mit ihren jeweiligen Hintergründen. Zum anderen weder sind die Hofer-Wähler/innen alle blau, noch die Van der Bellen-Wähler/innen alle grün. Die Parteienlandschaft in den Gemeindeparlamenten ist immer noch sehr stark von ÖVP und SPÖ geprägt, die Parteistrukturen in den Ortsgruppen weitgehend intakt, jede Gemeinderatswahl der letzten Jahre zeigt, dass der „Zerfall der Großparteien“ dort nicht im Ausmaß wie auf der Bundesebene stattfindet.