Tag: Marokko

12Feb
Allgemein

Shared space Marrakesh

marrakesh 13Ich war in Marrakesh und mir war sehr kalt. Nicht manchmal und ein bisschen, sondern ständig und sehr. Man denkt ja, man fliegt nach Afrika und dort ist es warm. Das ist  nicht so, ich habe mich vorher auch erkundigt, aber es war eben doch viel kälter, als ich dachte.

Sonst war das alles sehr super. Marrakesh hat ja einen eigenartigen Ruf, so zwischen diffus und hip. Man sagt, dass viele Promis Teile ihres Lebens dort verbracht haben, es wurden viele Filme gedreht und es klingt halt auch alles sehr geheimnisvoll. Das ist es auch. Vieles ist nicht, wie es auf den ersten Blick scheint.

marrakesh 2Das beginnt beim Wohnen. Niemals, und ich meine wirklich NIEMALS, wäre ich von selbst in die Gasse gegangen, in der das Riad liegt, das ich gebucht hatte. Hier seht ihr, warum.

Die meisten Seitengassen in Marrakesh sehen so aus. Eng, dreckig, hässliche Fassaden ohne Fenster. Uneinladend. Die Türen klein und abweisend. Doch nichts ist, wie es scheint, denn dahinter verbergen sich Oasen des easy living. Die meisten Hotels sind solche Riads, das sind mehrstöckige Häuser mit großzügigen Innenhöfen. Mehr als 1.000 gibt es davon allein in Marrakesh, den Großteil davon würde man von außen nicht erkennen.

Der Wohnkomfort ist – je nach Preisklasse – westlich bis luxuriös. Im Sommer sind diese Innenhöfe vermutlich der einzige Ort, an dem man die Hitze halbwegs ertragen bzw. sich erholen kann.

Außerhalb dieser Paradiese ist Marrakesh gelebtes Chaos. Wobei alles irgendwie doch zu funktionieren scheint. Ich habe in der Nähe des Hauptplatzes der Stadt, dem Djema el fna, gewohnt. Das ist ein für europäische Verhältnisse sehr großer Platz, der in mehreren Schichten bespielt wird. In der Früh mit Gemüseständen, dann Orangensaft-Verkaufswägen, über den Tag verteilt Klumpert-Standln für Touristen, dazwischen Schlangenbeschwörer, Taxis und allerlei anderes Zeugs. Am Abend werden dort – jeden Abend aufs Neue – ein paar Dutzend Garküchen aufgebaut. Mit Küchen, Tischen, Zelten und allem Tralala. Drei Stunden später ist alles wieder weg.

marrakesh 1Das Verblüffendste ist aber: Auf diesem Platz, aber eigentlich in der gesamten Stadt, wird das gelebt, was wir in Österreich uns nun um teures Berater- und Planergeld erkaufen. Shared Space. Ihr wisst sicher, was das ist. Da teilen sich Autos, Fussgeher und Radfahrer eine Verkehrsfläche. In Marrakesh ist das überall so. Es gibt keine Regeln, wenig Ampeln, kaum markierte Fahrbahnen oder Spuren. Und wenn doch, dann wird das alles als unverbindliche Richtlinie betrachtet, an die man sich nicht halten muss, solange man niemandem schadet.

Ich weiß wirklich nicht, ob das funktioniert. Aber es fährt alles durcheinander und es gibt nie Stau. Die bevorzugten Verkehrsmittel sind Mopeds, weil man mit denen überall hinkommt, auch im Zentrum, wo die Gassen für Autos zu eng sind. Menschen fahren auf diesen Mopeds – im wesentlichen so ähnliche wie die Puch Maxis. Allein. Zu zweit. Zu dritt. Auf Radwegen, Gehsteigen, Plätzen und in Höfen. Mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit. Marrakesh ist der größte Shared Space, den ich bisher gesehen habe. Eselskarren und Pferdekutschen inklusive.

Ich finde, dass Geräusche und Gerüche viel ausmachen. Marrakesh ist leise, auf eine gewisse Art. Einerseits, weil die Innenhöfe baulich abgeschirmt sind, andererseits aber auch, weil der Verkehr fehlt, zumindest im Ausmaß, wie wir das kennen. Ich stehe in der Nacht auf dem Dach des Riad und höre keinen Verkehrslärm, sondern bestenfalls Menschenlärm, weil auf den Straßen bis lange in die Nacht Betrieb ist.

Und natürlich wird man ständig beschissen. Die Stadt ist ein riesiger Basar, in den “Souks” wird mit allem gehandelt, das man sich vorstellen kann. “Souks” sind notdürftig überdachte kleine Gassen, in denen sich auf engstem Raum Geschäfte drängen. Kilometerlang, ein völlig undurchschaubares Labyrinth. Der beste Schmäh ist, dass man mit den Worten “Fixed price” in jeden Laden reingelockt wird, dort wird dann wortreich auf irgendein laminiertes Papierl mit Preisangaben verwiesen. Fixed price. Damit wird suggeriert, dass alles ehrlich abgeht, keine Feilscherei und so. In Wahrheit ist das der Ausgangspunkt für die Feilscherei. Ungefähr bei der Hälfte des “Fixed price” einigt man sich dann.

marrakesh 8Schön ist, dass die Dinge, die auf diesem endlosen Markt angeboten werden, mehrheitlich noch selbst hergestellt werden. In der Regel sind Geschäft und Werkstatt ein gemeinsamer Raum, man kann oft dabei zusehen, wie die Produkte entstehen. Bei manchen Dingen ist es sehr wichtig, dass man sich einigt, bevor irgendetwas stattfindet. Ich kann das sehr glaubhaft sagen, denn ich wollte nur ein Foto vom Schlangenbeschwörer und seinen Viechern machen. Über den Preis werde man nachher reden, sagte der Mann. Und plötzlich hatte ich zwei Schlangen um den Hals. Ihr könnt mir glauben: Es ist nicht sehr aussichtsreich, wenn man mit zwei Schlangen um den Hals den Preis verhandeln muss. 400 Dirham am Schluss (40 Euro). Ich nehme an, die ganze Familie hat danach Party gemacht und noch tagelang über den Touristentrottel gelacht.

An klassischen touristischen Attraktionen gibt es vieles, das meiste davon könnt ihr leicht im Internet nachschauen. Wunderschöne Moscheen (in die man nicht hinein darf), die ehemalige Koranschule “Medersa Ben Youssef”, in der früher bis zu 900 junge Koranschüler unterrichtet wurden oder das Museé de Marrakesh. Alles sehr sehenswert, alles zu Fuß gut erreichbar. Und all das – in Verbindung mit dem Leben auf den Straßen – zeigt, dass man hier an der Schwelle zu einem Entwicklungsland ist. Einerseits gibt es alles, was das westliche Herz an Komfort begehrt, andererseits sieht man aber auch sofort: Die große Mehrheit der Menschen kann sich das nicht leisten.

marrakesh 10Der Islam ist allgegenwärtig, verschleierte Frauen gehören ebenso zum Straßenbild wie Männer in Kaftanen mit spitzen Kapuzen. Das ist übrigens eigentlich ein sehr praktisches Kleidungsstück. Man wirft es übers normale Gewand drüber und es schützt sowohl vor Hitze, als auch vor Kälte oder Regen. Die junge Generation ist meiner Wahrnehmung nach gespalten. Da gibt es bei den jungen Männern viele, die recht streng nach islamischen Regeln leben und sich auch so verhalten. Aber gefühlsmässig setzt sich bei den jungen Menschen – auch bei den Frauen – die offenere Lebensweise durch.

Am interessantesten – und daher erwähnenswert – fand ich eine Sehenswürdigkeit, deren Geschichte sehr zu Marrakesh passt. Der “Jardin Majorelle” ist ein botanischer Garten, der 1919 vom französischen Maler Jacques Majorelle angelegt wurde. Schon damals war Marrakesh ziemlich hip und Majorelle ließ sich dort nieder. Seine Kunst hat das 20. Jahrhundert nicht wahrnehmbar überlebt, die Gärten hätten beinahe das gleiche Schicksal erlitten.

marrakesh 12Sie gerieten in Vergessenheit, bis sie 1980 von Yves Saint Laurent neu entdeckt und gekauft wurden. Er ließ sie wieder instandsetzen und lebte in der angrenzenden Villa, wenn er sich in Marrakesh aufhielt. Dieser Garten ist wunderschön, er beherbergt hunderte Pflanzen aus allen Kontinenten und lässt erfühlen, wie schön man in dieser Stadt leben kann. In der früheren Villa von Saint Laurent wurde ein sehenswertes Berber-Museum eingerichtet, das viel über Kultur und Lebensart des Wüstenstammes zeigt.

Natürlich gibt es in Marrakesh auch Hammams. An jeder Ecke. Eine Wohltat für Körper und Seele und nicht wirklich teuer. Anders als in der Türkei, nicht so pompös und inszeniert, sondern rustikaler. Ich wusste nicht, dass es da verschiedene Arten gibt, die marrokanische Variante unterscheidet sich aber doch merkbar. Mir kommt vor, dass in einen Hammam zu gehen in Marrokko auch selbstverständlicher ist und nicht als besonderes Ereignis wahrgenommen wird.

Aufgefallen ist mir die relativ durchgängige Bewunderung für den marrokkanischen König Mohammed VI. De facto hängt in jedem Geschäft, in jedem Lokal und jeder Wohnung ein Bild von ihm. Ich habe einen Ladenbesitzer gefragt, warum das so ist. Offensichtlich erhofft man sich viel von diesem König. Er hat mehrfach Reformen versprochen, u.a. auch die Umwandlung des Landes von einer konstitutionellen zu einer parlamentarischen Monarchie. Die Menschen scheinen sehr geprägt zu sein von der Herrschaft seines Vaters, die offenbar recht rigide war. Nun erhoffen sie sich Reformen. Der Machtkampf zwischen starken religiösen Kräften und liberaleren Strömungen dürfte aber noch nicht zur Gänze ausgefochten sein. Inhaltlich kann ich das kaum beurteilen, ich hatte aber den Eindruck, dass der König – der auch in Marrakesh einen Palast hat – über große Sympathien bei der Bevölkerung verfügt.

Insgesamt hat sich die Reise gelohnt. Beim nächsten Mal würde/werde ich vermutlich die Berber-Festungen und das Atlas-Gebirge rund um Marrakesh noch besuchen. Oder einen Abstecher nach Casablanca machen (ca. 250 km entfernt). Trotzdem ist es Marrakesh wert, sich ein paar Tage lang ausschließlich dort aufzuhalten. Kurz vor meiner Reise habe ich gelesen, dass Marrakesh inzwischen zu den schönsten Golf-Destinationen der Welt zählt. Darüber weiß ich allerdings nichts, ich spiele nicht Golf.

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Informationen und Links:
Gewohnt habe ich im Riad “Les Hibiscus” . Sehr preiswert und komfortabel, direkt im Zentrum, 2 Gehminuten vom großen Platz “Djema el fna”.

Empfehlenswert, aber weit teurer ist das Riad “Monceau”. Es ist luxuriöser, hat ein ausgezeichnetes Restaurant dabei und man kann bei der Chefköchin einen interessanten kurzen Kochkurs besuchen.

Den Hammam habe ich im “Isis Spa” besucht. Preiswert und gut. Ein zweites Mal war ich im weit teureren und exklusiven Hammam des Hotels “Les Jardins de Koutoubia“

Besucht habe ich auch die ehemalige Koranschule Medersa Ben Youssef und das Museé de Marrakesh. Den Jardin Majorelle und das Berber-Museum darin habe ich selbst beschrieben, natürlich gibts dazu auch eine Homepage.

Angeflogen wird Marrakesh seit einigen Monaten von Fly Niki direkt von Wien, einmal in der Woche (Hinflüge Mittwoch abends, Rückflüge in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag). Alternativ kann man Marrakesh mit der Air Berlin via Düsseldorf erreichen.