Tag: Syrien

01Nov
FluchtGemeindepolitik

Eine lange Reise findet ein Ende

Eine lange Reise hat ein vorläufiges Ende gefunden. Die Familie Moshmoshan aus Aleppo ist in Altlengbach angekommen. Als erste von drei Familien, die in den kommenden Wochen bei uns Quartier finden werden.

karte aleppoSara und Sana sind drei und fünf Jahre alt. Und haben eine Odyssee hinter sich, die einen sprachlos macht. Vor einigen Monaten sind sie mit ihren Eltern Haytham und Hiba sowie ihrer Tante Hanan in Aleppo aufgebrochen. Über die Türkei, das Mittelmeer, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn schließlich nach Österreich. Schiff, Zug, Bus und tagelange Fußmärsche hat die Familie hinter sich. Als die Familie die 3.000 Kilometer lange Reise begonnen hat, war Hiba schon mit dem dritten Kind schwanger. Jetzt ist sie im siebenten Monat, ihr Geburtstermin wurde für den 24. oder 25. Dezember errechnet. Ein Weihnachtskind. Es soll Maria heißen, erzählt sie.

tumblr_inline_nx5cj91FKZ1t3wl7u_1280Die Reise hätte recht schnell und beinahe tödlich geendet. Zuerst wurde Haytham betrogen. 3.000 Euro bezahlte er einem Schlepper für die Überfahrt auf eine griechische Insel. Das versprochene Boot kam aber nicht, das Geld war fort. Beim zweiten Versuch kam ein Boot. Und kenterte wenige Meilen von der türkischen Küste entfernt. Mit den Händen über dem Kopf zeigt Haytham, wie er eine seiner Töchter über Wasser gehalten hat bis die Türken die Schiffbrüchigen aus dem Wasser fischten. Beim dritten Versuch klappte die Überfahrt. Ab dann ging es über die Balkanroute nach Ungarn und schließlich nach Österreich.

“In Aleppo ist nichts mehr, es ist ein riesiger Schutthaufen. Mein Geschäft musste ich schon 2012 schließen, ich habe die schönsten Vorhänge in der ganzen Stadt gemacht und verkauft.” Seit Anfang des Jahres ist das ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht, es ist nichts mehr da. Nur noch Ruinen. Da beschlossen sie zu gehen. Und weil Haytham zum Militär eingezogen werden sollte.

Die Unterhaltung ist schwierig, die Frauen sprechen kein Wort Englisch oder Deutsch, Haytham radebrecht ein bisschen English. Mit Händen und Füßen und dem Translator von Google gehts aber. In Neusiedl hat man die Familie aufgegriffen. Danach Villach, Thalham, Mondsee und nun Altlengbach.

Vor einigen Monaten haben wir damit begonnen, Quartiere zu suchen und instand zu setzen. Den bürokratische Wahnsinn, den wir dabei erlebt haben, habe ich hier beschrieben. Von der Überstellung der Familie in unser erstes Quartier wurden wir 24 Stunden vorher informiert. Zum Glück war alles schon lange fertig.

meshmeshan 1Am zweiten Tag nach der Ankunft ist die Familie schon viel entspannter. Die Geschwindigkeit, mit der sie regenerieren ist erstaunlich. Das Haus ist voll von Kinderlachen, die Erleichterung ist den Erwachsenen anzusehen. Alles ist blitzblank geputzt, das ist ihnen wichtig. Zum ersten Mal seit Wochen haben alle gut gegessen und sind ausgeschlafen. Das merkt man. Die wichtigsten Bedürfnisse haben wir rasch decken können. Kleidung, Hygieneartikel, Gewand und ein bisschen Spielzeug für die Kinder. Alles vorhanden in unserer Kleiderkammer. In den nächsten Tagen werden alle Hilfsangebote von Freiwilligen an einem runden Tisch besprochen und koordiniert.

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Haytham ist voller Pläne. Er interessiert sich für Deutschkurse, für Arbeitsmöglichkeiten, für die anderen Familien, die in den nächsten Tagen zu uns kommen sollen. Ich werde helfen, sagt er. Du kommst und ich komme mit und helfe dir. Morgen oder übermorgen kommt wahrscheinlich die zweite Familie. Bei den letzten Handgriffen in deren Wohnung wollen die Neuankömmlinge mithelfen. Den größten Teil der Einrichtung haben wir schon beisammen. Alles geschnorrt. Die Ablöse für die Küche haben wir aus der Gemeindekassa bezahlt.

Die wichtigsten Behördengänge stehen der Familie nun in den nächsten Tagen bevor. Anmeldung auf der Gemeinde, alle Papiere vervollständigen, ein oder zwei Arzttermine und Formulare ausfüllen. Die Moshmoshans stört das nicht, es ist für sie der Start in ein neues Leben. Sie sind in Sicherheit und sie sind vorerst glücklich.

Und mehr kann man sich wahrscheinlich nicht wünschen.

Ergänzung: Heute, Montag (2.11.) kommt die zweite Familie. Nach langen Diskussionen klappt die Überstellung. Eine alleinerziehende syrische Frau mit 8jährigen Zwillingen und einem 17jährigen Sohn wird in die Wohnung einziehen, die auf den unteren beiden Bildern zu sehen ist. Das ist eine gute Nachricht.