20Aug
Allgemein

Blick auf Titos Arbeitslager

Es ist ein eigenartiges Gefühl in Sichtweite eines Arbeitslagers Urlaub zu machen. Vorausgesetzt man weiß, was auf Goli Otok in der Adria bis 1988 vor sich ging. Ich wusste es nicht.

Ich war in Kroatien auf Urlaub, auf der Insel Rab. Durch Zufall liegt das einer Insel, auf der Marschall Tito sein größtes Arbeitslager betrieben hat, sehr nahe. Der Umgang mit diesem historischen Erbe ist bestenfalls schleissig.

Es ist grotesk. Ich liege an einem wunderschönen Strand, einem der wenigen Sandstrände in Kroatien und blinzle in die Sonne. Der Himmel ist strahlend blau, das Meer ist angenehm warm, nicht umsonst nennt man den „Paradiesstrand“ so. Einige Kilometer entfernt das Festland. Der mächtige Velebit, das sind die karstigen Gebirgszüge, die steil zur Adria hin abfallen. Mein Blick streift eine Insel, die zwischen dem Festland und meinem Urlaubsstrand liegt. Ein Haufen Steine, wie so viele der hunderten Inseln, die dem Festland vorgelagert sind.

Erst nach einigen Tagen interessiere ich mich näher für diesen kahlen Felsen. Sehe auf einer Karte nach, erfahre, dass das irgendsoeine Gefängnisinsel war. Ich fahre mit dem Motorboot hinüber, gehe aber nicht an Land. Einige verfallene Gebäude, ein kleiner Hafen mit einem Restaurant, ansonsten unbewohnt.

Goli Otok 15Dann erkundige ich mich näher und organisiere mir auch einen Besuch der Insel, ein Bootstaxi, das mich hinüber bringt. Es ist nicht „irgendeine Gefängnisinsel“ sondern Titos grausamstes Arbeitslager gewesen. Goli Otok heißt das Eiland. Man nennt es auch „die nackte Insel“. Hier waren nur Steine. Alles andere haben die Häftlinge, die hier zum Teil einige Jahre verbringen mussten, selbst gebaut oder angelegt. Das gilt auch für die Bäume. Alle selbst gepflanzt. Ehemalige Häftlinge erzählen, dass sie gezwungen wurden, stundenlang in der prallen Sonne zu stehen, um den Setzlingen Schatten zu spenden, damit diese nicht verdorren. Die Gebäude entstanden ausschließlich aus Steinen, die in einem der Steinbrüche von den Zwangsarbeitern abgebaut gewonnen und behauen wurden. Das zentrale Verwaltungsgebäude wurde auch “Hotel Goli” genannt, weil es das schönste Gebäude auf der Insel war. Jeder einzelne Stein mit der Hand in Form gebracht und verbaut.

Bis zu 3.500 Menschen waren hier gleichzeitig inhaftiert. Zum größten Teil politische Gefangene des Systems von Marschall Tito. Mit Vorliebe wurden hier Stalinisten gefangen gehalten. Jene, die einige Male versucht hatten, Tito wegzuputschen. Der Marschall und Josef Stalin waren keine besten Freunde, es beherrschte nur jeder der beiden seine Rolle ganz gut.

Goli Otok 11Zwischen 1948 und 1988 wurden hier insgesamt mehr als 16.000 Menschen, hauptsächlich Männer inhaftiert und zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen. Die erzeugten Metall- und Holzprodukte wurden in die ganze Welt verkauft, unter anderem in die USA. Mehrere hundert Menschen starben unter den grausamen Bedingungen, die auf Goli Otok herrschten. Gluthitze im Sommer, mit Temperaturen um die 40 Grad. Extreme Windstöße im Winter. Kaum eine Chance zur Flucht, zu stark sind die Winde und die Strömungen, obwohl das Festland oder die Insel Rab gut sichtbar sind. Die Hölle auf Erden.

Zentraler Punkt dieses Konzepts war die körperliche Entkräftung sowie der möglichst systematische Psychoterror, dem die Gefangenen unterzogen wurden. Bei der Ankunft hatten sie in der Regel schon lange Transporte in Viehwaggons sowie eine mehrstündige Fahrt in einem Seefrachter hinter sich. Bei der Ankunft auf der Insel wurden Neuankömmlinge zuerst von den Wachen verprügelt. Danach mussten sie die Lagerstraße hinauf durch den gefürchteten Prügel-Spalier getrieben. “Kroz stroj” wurde das  genannt – “durch die Maschine“.  Man legte großen Wert auf dieses Terrorregime auch unter den Häftlingen selbst. Die bei der Ankunft geprügelten Häftlinge, prügelten dann später natürlich selbst andere Neuankömmlinge. Ein Kreislauf des Grauens und der Demütigung.
In 30 Jahren wird kaum noch etwas von diesem Lager da sein. Das Klima, der Wind und die Jahre lassen alles recht schnell verfallen und einstürzen. Und was nicht mehr da ist, wird vergessen werden.

Ich fände eine Gedenkstätte, die auch als solche erhalten wird, besser. Man sollte das Gedenken an die Opfer des Tito-Regimes ebenso bewahren und dokumentieren können, wie das bei allen Gewaltregimes sinnvoll ist. Die Art und Weise, wie man auf Goli Otok selbst mit diesem Erbe umgeht, ist – höflich ausgedrückt – befremdlich. Es gibt T-Shirts mit Sonnenuntergängen, man kann sich beim Souvenirshop als Gefangener fotografieren lassen, durch die Anlage fährt ein bunter Bummelzug. Führungen gibt es keine, nur ein kleines Kino in einem der Gebäude, deren erklärende Filme sich 98 % der Besucher nicht ansehen. Zu heiß, zu groß die Verlockung nach einem kühlen Bier im einzigen Restaurant am Hafenkai. Zu verführerisch die Aussicht auf eine Arschbombe ins glasklare Wasser.

Goli Otok 10Dazu kommt mein subjektiver Eindruck, dass sich die Kroaten ohnehin nicht so gerne kritisch mit der eigenen Geschichte auseinander setzen. Viel Tourismus und viel Nationalismus sind oft ausreichend. Dieses Gefühl habe ich, aber vielleicht täusche ich mich.

Die Gefangeneninsel Goli Otok in Sichtweite des „Paradiesstrandes“ bei Lopar war für mich ein tiefer Einblick in die kroatische Geschichte, aber auch der Gegenwart. Irgendwo habe ich später gelesen, dass die kroatische Regierung diese Insel sowie andere Liegenschaften “ohne Nutzen” verkaufen will. Diesen Zugang halte ich für eine Schande. Ich bin froh, dass ich das noch besuchen und sehen konnte, bevor „die nackte Insel“ tatsächlich wieder nackt (oder touristisch erschlossen) sein wird.

Anmerkung: Ich habe ursprünglich für diesen Beitrag den Begriff “KZ” und “Konzentrationslager” verwendet. Das hat bei einigen Lesern zum Vorwurf des Revisionismus bzw. der Verharmlosung des Holocaust geführt. Historisch ist der Begriff “Konzentrationslager” sehr eindeutig als “Arbeitslager zur Umerziehung politischer Gefangener” definiert. Unter der NS Herrschaft gab es mehr als 1.000 Konzentrationslager, einige davon waren deklarierte Vernichtungslager. KZs in der eigentlichten Definition gab es zudem schon ab 1933, reine Vernichtungslager erst ab Beginn der 1940er Jahre.

Goli-Otok-16
Goli-Otok-15
Goli-Otok-14
Goli-Otok-13
Goli-Otok-12
Goli-Otok-11
Goli-Otok-10
Goli-Otok-9
Goli-Otok-7
Goli-Otok-6
Goli-Otok-5
Goli-Otok-4
Goli-Otok-3
Goli-Otok-2
goli-otok-1