04Dez
Allgemein

Wie Pressesprecher spinnen

Auf der Plattform fischundfleisch.at hat Clemens Neuhold von der Wiener Zeitung den Text “Wie Pressesprecher ‘spinnen’” gepostet. Am Tag davor hatte Conny Bischofberger von der Kronenzeitung ebendort über “Muhrli und seinesgleichen” geschrieben. In beiden Fällen interessante und auch unterhaltsame Gedanken, die sich mit der Arbeit und dem Wesen von Pressesprecher/innen befassen.

Clemens Neuhold hat sich eine Replik gewünscht. Hier ist sie.

Journalisten. Sie sind der Grund, warum ich einen Job habe (Danke dafür!). Und sie ticken alle anders, jede/r einzelne. Ganz grob gibt’s aber dann doch ein paar Kategorien, die man unterscheiden kann.

Die Schmähbrüder und -schwestern

Die gibt’s auf beiden Seiten, nicht nur bei den Pressesprechern. Der journalistische Schmähbruder stellt über diesen Weg eine Vertraulichkeit her, mit der er einem Dinge rauslocken will, die man sonst vielleicht gar nicht oder zumindest nicht in diesem Wortlaut sagen würde. Man kann bei ihnen nie sicher sein, ob man grade off records mit ihnen spricht oder sich dann mit einem salopp daher gesagten Satz am nächsten Tag in ihrer Zeitung wiederfindet. Oft mit dem Zusatz “Insidern zufolge…” oder “Wie man aus … hört…”.

Die Wichtigen

Sie wollen sofort durchgestellt werden. Sie empfinden es als lästig, überhaupt mit Pressesprechern reden zu müssen, sie wollen sofort mit dem Chef reden. Sie haben auch kein Verständnis dafür, wenn das nicht augenblicklich funktioniert. “Dann kommt’s ihr in der G’schicht halt nicht vor”, ist ein Satz, den sie gerne verwenden. Sie betrachten den Pressesprecher als unnötige Mauer, die zwischen ihnen und dem eigentlich gewünschten Gesprächspartner steht.

Die Neugierigen

Sie sind die meiste Arbeit, denn Gespräche mit ihnen dauern oft Stunden. Sie wollen Zahlen haben, hinterfragen Dinge, rufen auch andere Menschen an und fragen dann noch einmal nach. Im tagesaktuellen Betrieb ist so etwas für beide Seiten kaum machbar, zu knapp sind die Zeiträume, in denen die akuten Geschichten fertig sein müssen. Nicht aus jedem Gespräch entsteht gleich etwas, oft redet man über mehrere Tage miteinander, manchmal wird auch nichts daraus bzw. erscheint nichts. Der Kontakt mit den Neugierigen ist am interessantesten, daraus entstehen in der Regel auch die lesenswertesten Beiträge.

Die mit den fertigen Geschichten

Sie rufen an und stellen nur ein oder zwei Fragen. Im Kopf haben sie die Geschichte schon fertig, bevor sie noch eine Zeile geschrieben haben. Sie recherchieren nicht, um Information zu beschaffen, sondern um ihre eigene Ansicht bestätigt zu bekommen. Tut man das nicht, kommt man in der Geschichte nicht vor (oft ist das eh besser so).

Die Gelangweilten

Man weiß nicht, warum sie diesen Beruf ergriffen haben. Sie gehen zu Pressekonferenzen, nehmen die Unterlagen, hören sich alles an, gehen wieder und schreiben dann irgendwas. Sie fragen nichts, sie recherchieren nicht, sie sind kaum greifbar. Aus Pressesprecher-Sicht sind sie die bequemsten, weil sie auch nicht kritisch sind. Sie sind die, über die ihr euch auf Journalistenkongressen mehr unterhalten solltet.

Die Distanzierten

Sie haben eine oder mehrere Fragen, sie wollen nüchterne Antworten darauf. Sie betrachten Pressesprecher nicht als Spin-Doktoren, sondern als Informanten, die schnelleren und unmittelbaren Zugang zu Daten und Fakten haben. Sie würden auf einen Spin auch gar nicht reinfallen. Mit ihnen ist man auch nach vielen Jahren noch per Sie, diese Distanz ist ihnen wichtig.

Nicht alle Kolleg/innen passen in eine dieser Schubladen, manche haben auch je einen Fuß in einer anderen Lade. Irgendwie auskommen können sollte man mit allen, so oder so. Nicht immer einfach, aber es geht. Mit gegenseitiger Wertschätzung und Empathie geht’s aber in jedem Fall besser.